Schattenjahre: Reportage über die Autorin Ilona Krömer

Das Buch Schattenjahre

Ilona Krömer, Schattenjahre, Die Selbsttötung meiner Eltern und warum ich trotzdem das Leben lieben kann, 144 Seiten, Taschenbuch

Ilona Krömer lebt glücklich mit ihrem Mann und den kleinen Töchtern in der ehemaligen Bischofsstadt Zeitz genau an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen. Auch ihren Eltern fühlt sie sich eng verbunden. Die drei so eng miteinander verknüpften Generationen gelten ein bisschen als Vorzeigefamilie im Ort: Hier ist alles in Ordnung. Als die Mutter sich das Leben nimmt, bricht die Welt der Familie zusammen.

Januar 1991. Es sind bewegte und bewegende Zeiten. Am 9. November 1989 fällt die Mauer. Am 1. Juli 1990 kommt es zur Währungsunion. Am 3. Oktober 1990 tritt die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Die Wiedervereinigung steht – zumindest auf dem Papier. Die ganze Familie freut sich. Ilona und Ulrich Krömer hatten rege an den Montagsdemos in Leipzig teilgenommen.

In einem ungeheuren Tempo ändert sich die (deutsche) Welt. Auch für die Eltern von Ilona Krömer. Sie erleben mit, wie die Zeitzer Industrie einen rasanten Niedergang erfährt. Dabei sind die Eltern – eine Seltenheit in der DDR – selbstständige Handwerker. Sie betreiben den ererbten Familienbetrieb, eine Buchbinderei. Genauso wie Ilona und Ulrich Krömer, die mit Ausbildung und Beruf in die Familientradition eingestiegen sind. Das konnte und durfte Ilona Krömer staatlicherseits erst, nachdem sie eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert hatte.

Die Wende bedeutet zuerst einmal finanzielle Investition: Investition in das eigene Haus, in den Betrieb. Eine Heizungssanierung steht zum Beispiel an. Endlich ist das möglich. Zu DDR-Zeiten war an einen neuen Heizkessel nicht heranzukommen. Und auch ein Auto. Ohne eine jahrzehntelange Wartezeit. Obwohl es stürmische Zeiten sind, Ilona und Ulrich schauen hoffnungsvoll in die Zukunft. Der Pfarrerssohn, natürlich bisher Repressalien ausgesetzt, weil er seinem Glauben nicht abschwor und die Tochter eines selbstständigen Handwerkers sind auf einmal viel weniger Zwängen ausgesetzt. Sie haben zwei süße und fröhliche kleine Mädchen. Das Leben ist gut.

Was vielen damals passiert, passiert jedoch auch den Eltern von Ilona Krömer. Beim Heizungsumbau werden sie über den Tisch gezogen. Das neue Stück ist erheblich überteuert. Illona Krömers Mutter ärgert sich gewaltig. Hinzu kommen Probleme im Betrieb. Die Geschäfte laufen nicht mehr so gut. „Wann der eigentliche Wandel in der Stimmungslage meiner Mutter kam, kann ich heute nicht mehr recht nachvollziehen. Irgendwann wirkte sie trauriger und man sah ihr die Sorgen um den Betrieb und das verlorene Geld an.“

Die Autorin Ilona Krömer

Die Autorin Ilona Krömer

Kinder haben es schwer, die Eltern zu verstehen

Heute ärgert sie sich sehr, erste Anzeichen nicht bemerkt zu haben. Ihr fiel zwar auf, dass die Mutter öfter abwesend wirkte. Und als die Eltern das neue Auto in Sindelfingen abgeholt hatten, blieb es anschließend in der Garage stehen. „Meine Eltern konnten sich nicht entschließen, es polizeilich anzumelden.“

Und auch um die Enkelkinder kümmerte sich die Oma immer weniger. Zuletzt suchten Ilona und Ulrich Krömer andere Lösungen, wenn denn mal ein Babysitter benötigt wurde. Doch Weihnachten 1990 beim gemeinsamen Gänsebraten wird wie jedes Jahr zu einem schönen und besinnlichen Fest. Dann kommt der Dreikönigstag. „Am 6. Januar 1991 kam mein Vater zu uns und erzählte mir, dass meine Mutter gestern versucht habe, sich das Leben zu nehmen.“

Aber es wäre alles gut. Die Mutter würde sich schämen, wolle nicht darauf angesprochen werden. Und er hätte schon alles im Griff. Die entsetzte Ilona Krömer lässt sich beruhigen. Gegen die gewachsene Familienstruktur kommt sie nicht an. Neun Tage später, am 15. Januar, tötet sich ihre Mutter dann selbst. An dem Tag, an dem Ilona Krömer mit einer Ärztin gesprochen hat, wie denn eine Behandlung der Mutter erfolgen könne. An dem Tag, an dem der Vater erneut versicherte, alles wäre jetzt in Ordnung. Die Welt bricht über ihr zusammen.

Krömers holen den geschockten Vater zu sich. Er erzählt von seiner Frau, „dass sie oft über einen Suizid gesprochen“ hätten. In den folgenden vier Tagen „waren wir beide uns so nah wie noch nie“, erzählt Ilona Krömer über diese Zeit mit ihrem Vater. Erst langsam begreift sie seine Belastung in der Zeit zuvor. Dann verabschiedet sich ihr Vater am Morgen des 19. Januars, um mal wieder kurz in die Werkstatt zu gehen. Er wäre zum Mittag wieder da, pünktlich, wenn die angekündigten Verwandten kämen.

Das ist er nicht. Ulrich und Ilona Krömer finden ihren Vater in der Werkstatt. Auch er hat Suizid begangen.

Hoffnung

Gut 25 Jahre hat Ilona Krömer das damalige Geschehen mit sich, ihrem Mann und ihren Töchtern herum getragen. Sie ist heute älter als ihre Eltern, als die aus dem Leben geschieden sind. Erst in den letzten Jahren war sie – auch mit Hilfe von Therapeuten – in der Lage, das Geschehen aufzuarbeiten. Sie fand den Mut, in ihre alten Tagebuchaufzeichnungen Einblick zu nehmen und auch mit ihrem Mann alte Erinnerungen und Eindrücke nun aus dem Abstand heraus zu besprechen. Ihre Erinnerungen hat sie, vielleicht auch als Stück Therapie, in der eindrücklichen Autobiografie „Schattenjahre“ niedergelegt. Zurückblickend merkt sie, dass ihr Glaube an den Gott der Bibel in den langen Jahren durchgetragen hat. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“, ist die Jahreslosung des Jahres 2014, ein Zitat aus den Psalmen. Dieser Vers trägt Ilona Krömer und schenkt Trost. Auch wenn sie immer noch mehr Fragen als Antworten hat. In ihrer Kirchengemeinde „fanden wir als Familie all die Jahre sehr viel Halt“, ist ihr klar. „Die große Gemeinschaft, die Bibelarbeit, die Gespräche, die Stille und die Gesänge haben mir sehr gut getan.“

Ein Liedvers ist ihr allgegenwärtig:

„Meine Hoffnung und meine Freude,
meine Stärke, mein Licht:
Christus meine Zuversicht,
auf dich vertraue ich und fürchte mich nicht.“

Ilona Krömer ist aus den Schattenjahren herausgetreten und geht mit Hoffnung in die Zukunft.
Andreas Benda

Ilona Krömer, Schattenjahre, 144 Seiten, Taschenbuch
Weitere Informationen auf: www.brunnen-verlag.de/schattenjahre.html

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