Die Königin der Straße

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Helma Bielfeldt

Auf dem Highway zu Gott:
Helma Bielfeldts atemberaubende Geschichte

Die drei älteren Schwestern reichten Helma Bielfeldts Mutter. Sie wünscht sich einen Jungen. Doch dann kommt 1963 Helma zur Welt. Vielleicht ist an Helma Bielfeldt sogar ein Junge verloren gegangen. Jedenfalls gibt es in ihrer Generation nicht viele Frauen, die durch Schlägereien auffallen, Präsident eines Motorradclubs sind, ihre Freizeit auf schweren Maschinen verbringen. Bielfeldt ist da schon etwas Besonderes.

Dabei ist die Mittfünfzigerin beileibe nicht die klassische „Rockerbraut“. Sie ist nie in ihrem Leben als Sozius, als Beifahrer unterwegs, sondern immer selbst in der Kutte – der Motorradfahrerkleidung. Und das bereits, seit sie 15 Jahre alt ist – zuerst noch auf dem Moped ihrer Schwester unterwegs.

An deren Sarg steht sie bereits als Teenager. Die Schwester hat sich bei einem Unfall totgefahren. Das ist vielleicht der letzte Anstoß, sich von Zuhause loszusagen. Mit ihrer Mutter kam Helma nie zurecht. Zuwendung erfährt sie einzig von der Großmutter, mit der sie bis zum zehnten Lebensjahr sogar in einem Bett schläft. Ihre Mutter hingegen zeigt nur wenig Liebe. Als Helma für 9 Monate ins Krankenhaus muss, kommen die Eltern sie insgesamt drei Mal besuchen, erzählt Bielfeldt sehr emotionslos in ihrer Autobiografie „Helma. Wer bremst, verliert“. Viel Liebe war da nicht …

Von der Mutter lässt sie sich in eine Ehe drängen: Mit 21 Jahren ist Helma verheiratet. „Vermassle das nicht“, wird ihr von Zuhause mitgegeben. Doch der Ehemann ist brutal und gewalttätig – körperlich und seelisch. Helma flüchtet, als er ihr Motorrad verkauft und Helmas Arbeit kündigt: Er will ein „Heimchen am Herd“. Dafür schlägt er auch schon mal brutal zu.

Helma flüchtet nach Kiel, die nächste Großstadt. Dort verdient sie die Woche über ihr Geld fürs teure Hobby: Am Wochenende ist sie unterwegs mit ihrem schweren Motorrad, feiert wilde Partys auf großen Motorradtreffen, hat wechselnde Beziehungen. Sie ist die „Queen of the Road“, wie die Motorradgang heißt, in der nur Frauen Mitglied sein dürfen und Helma die „Präsi“, die Leiterin des Vereins ist. Den umkämpften Posten verteidigt sie auch schon mal mit dem Messer in der Hand. Oder mit der abgesägten Schrotflinte. Fließendes Blut ist ihr nicht unbekannt.

Dann schlägt sie eines Tages bei einem Freund ein Buch auf. Zu ihrem Erstaunen stellt sie fest, dass er eine Bibel besitzt. Und Helma schlägt gerade jene Geschichte auf, die ihr von der Großmutter abends immer als Trost erzählt wurde, wenn sie Streit mit der Mutter gehabt hatte oder sich ungeliebt fühlte. Jetzt, als Erwachsene, wird ihr klar, dass ihre Großmutter an den Gott der Bibel geglaubt hat und ihm vertraute – trotz der schwierigen familiären Situation. Helma betet: „Jesus, wenn es dich wirklich gibt, dann hilf mir bitte.“

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Helma – wer bremst, verliert.
Die Geschichte einer radikalen Kehrtwende.

Sie kann sich an die Worte noch genau erinnern.

Und auch daran, was dann geschah. „Auf unerklärliche Weise hatte ich das Gefühl, als ob Gott mir sagen wollte: ,Mein Kind, ich liebe dich. Ich habe auf dich gewartet.‘“

Das war am 7. November 1997. Helma hat dieses Datum, an dem sich ihr Leben grundlegend änderte, genau im Kopf.

Alkoholexzesse gibt es nicht mehr, auch keine Gewalt. Das Motorradfahren hat sie nicht aufgegeben, aber die „Queens of the Road“. Mit ganz anderer Zielsetzung ist sie mittlerweile bei den „Holy Riders“ unterwegs, Pflegemutter und im Bundesvorstand des Verbandes der Pflege- und Adoptivfamilien aktiv.

Ralf Tibusek

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